Reha-Zentrum Roter Hügel: Infektionsgeschehen mit der britischen Variante B.1.1.7

Reha-Zentrum Roter Hügel: Infektionsgeschehen mit der britischen Variante B.1.1.7

Ausbruchsgeschehen mit B.1.1.7: „Ein ‚Microfehler‘ reicht“

Im Februar kam es im Reha-Zentrum Roter Hügel zu einem größeren Ausbruchsgeschehen mit dem Corona-Virus. Der frühe Verdacht, dass man es mit der britischen Variante B.1.1.7 zu tun haben könnte, bestätigte sich mit den Ergebnissen der Sequenzierung. Trotz strengster Hygienemaßnahmen breitete sich das Virus sehr aggressiv aus. In dem betroffenen Bereich fielen zeitweise bis zu 60% der Mitarbeiter aus.

Pflegedienstleitung Annett Dietmann berichtet von dieser Zeit und möchte Erkenntnisse und Erfahrungen mit Kollegen aus anderen MEDICLIN Häusern teilen. Ergänzt werden ihre Antworten durch Aussagen von Doris Wachter. Sie ist als Fachbereichsleitung für die Pflege zuständig und hat die Situation über den ganzen Zeitraum aus dem Inneren des betroffenen Gebäudeteils erlebt.

Wie haben Sie den Ausbruch des Corona-Virus in Ihrem Haus erlebt?

Annett Dietmann: Es ging wirklich schlagartig. Wir können nachvollziehen, dass das Geschehen von einem einzigen Patienten ausging. Dann kamen täglich neue Fälle hinzu, obwohl wir seit Beginn der Pandemie erfolgreich unsere wirklich strengen Hygienemaßnahmen einhielten und noch verschärften.

Wie haben das Team und die Patienten reagiert?

A.D.: Die Patienten waren kooperativ und hatten Verständnis für die Situation. Die Mitarbeiter in den abgetrennten Stationen durften natürlich nicht mehr ins Haupthaus. In dem abgeteilten Bereich hat man miteinander funktioniert. Aber es gibt da natürlich die persönliche und psychische Komponente.

Doris Wachter: Ich habe das auf der Station ja von innen erlebt. Man ist dünnhäutiger geworden, empfindsamer und man war auch schon einmal gereizt. Man hat sehr genau darauf geachtet, wie man von außen angeschaut wird. Es war keine leichte Situation. Man hat die täglichen Meldungen verfolgt und hat erlebt, wie das Team wegbricht. Da ist aus Ungewissheit auch Angst geworden. In diesen Momenten bewährt sich dann ein gutes Team. Wenn man auch diese Gefühle ansprechen und sich austauschen kann, hilft das. Eine transparente Kommunikation durch die Klinikleitung und den Konzern vermittelt einem in so einer Situation zusätzlich Sicherheit.

Was war in dieser Zeit besonders belastend?

A.D.: Diese Mutante war unglaublich aggressiv. Es war für die Mitarbeiter schwer mitanzusehen, wie Patienten, die am Morgen noch fit und symptomfrei waren, innerhalb weniger Stunden in einen Zustand kamen, mit dem sie in die Notaufnahme mussten. Wie schnell das so schlimm werden konnte, das war erschreckend, und machte einem selbst auch Angst.
Wir waren schockiert, wie viele Mitarbeiter sich auch trotz strengster Einhaltung der Hygienemaßnahmen in kürzester Zeit angesteckt haben.

Was können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus anderen Häusern mitgeben? Was war bei einem Geschehen mit der britischen Variante anders, schwieriger?

A.D.: Ich kann nur sagen, dass sich bei dieser Mutation die kleinsten Fehler rächen. Ein ‚Microfehler' reicht, wenn man sich beispielsweise nur einmal kurz an die Maske fasst. Die Schutzausrüstung richtig zu tragen, ist unglaublich wichtig. Tragen Sie die Maske lieber zu eng als zu weit. Achten sie absolut streng darauf, die Schutzkleidung korrekt anzulegen. Wirklich: Der kleinste Fehler kann bei dieser Mutation ausschlaggebend sein.

Es ist wichtig, nicht nur die Behandlungs- und Therapieräume regelmäßig zu Lüften. Die Patientenzimmer müssen auch regelmäßig gelüftet werden. Das ist in der Pflege nicht immer einfach. Man kann ja nicht bei Minustemperaturen eine Viertelstunde die Fenster aufreißen, wenn da morgens bei der Grundpflege ein älterer, leicht bekleideter Mensch vor einem sitzt. Es ist aber für die Mitarbeiter, die direkt am Patienten arbeiten, wichtig, dass sie nicht in ein Zimmer kommen, wo die ganze Luft der letzten Nacht noch steht. Es sollte also vor der Grundpflege gelüftet werden, wenn die Patienten noch im Bett liegen. Das könnte beispielsweise noch vom Nachtdienst erledigt werden.

In genau so einer Situation, in einem noch nicht gelüfteten Zimmer, habe ich mich mit hoher Wahrscheinlichkeit angesteckt, als ich mich um einen Patienten kümmerte.

Lückenlose Kommunikation und Transparenz sind ebenfalls wichtig. Die Mitarbeiter sollten umfassend informiert werden. Das hilft gegen die Angst und Ungewissheit. Wichtig ist es, zu bedenken, dass diese Mitteilungen auch die Kollegen erreichen, die aufgrund einer Erkrankung und Quarantäne zu Hause sind. Sie sollten auch über alle Fakten und mögliche Hilfsangebote informiert werden.

Natürlich ist eine möglichst hohe Impfquote der beste Schutz und stellt sicher, dass die Versorgung der Patienten zuverlässig gewährleistet werden kann.

Es wurde für die Mitarbeiter der betroffenen Station eine Pendelquarantäne verordnet. Wie wurde diese aufgenommen?

D.W.: Die Pendelquarantäne wurde als Notwendigkeit hingenommen. Es war schwer, gar keinen Ausgleich mehr zu haben. Man war nun ja auch innerhalb des Zuhauses von der Familie abgeschottet. Man ging zur Arbeit, war dort dieser wirklich belastenden Situation ausgesetzt, kam nach Hause und hat sich eingesperrt.

A.D.: Ja, es gab dann dieses Gefühl, vom Rest des Teams abgetrennt zu sein. Wir sind aber auch ein ganz tolles Team und haben uns gegenseitig unterstützt. So hat eine Kollegin ein Tablett mit Cappuccino aus der Cafeteria an ein ebenerdiges Fenster gebracht und es kontaktfrei übergeben. So eine liebevolle Geste tat dem Team in dieser Zeit richtig gut.

Frau Dietmann, wie war Ihre persönliche Erfahrung in der Pendelquarantäne und Quarantäne?

A.D.: Ich war in dieser Phase zu Hause komplett alleine. Meinen Sohn habe ich frühzeitig bei seinem Vater untergebracht. Mein 40. Geburtstag fiel auf ein Wochenende mitten in der Pendelquarantäne. Den habe ich dann ganz alleine verbracht. Aber es haben viele Menschen an mich gedacht. Ich bekam drei Blumensträuße zugeschickt, auch von lieben Kollegen, und Freunde stellten mir einen Karton voller Überraschungen vor die Tür. Ich habe die Zeit dazu genutzt, eine Coronatorte zu backen. Meine Familie war richtig neidisch, dass sie kein Stück davon abbekam.
Ich komme gut durch solche Situationen, wenn ich nicht weiter darüber nachdenke.

Was war für Sie besonders belastend?

A.D.: Mein persönlicher Einbruch kam dann mit der Nachricht, dass ich mich infiziert hatte. Am Tag, an dem abends die Nachricht vom positiven PCR-Test kam, war der Schnelltest morgens noch negativ gewesen. Bei dieser Mutation ist die lange Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch wirklich tückisch. Bei mir sind elf Tage ganz ohne Symptome vergangen! Zum Glück zeigten die Ergebnisse der Schnelltests, dass ich in dieser Phase noch nicht ansteckend war.
Zu dem Verlauf möchte ich gar nicht viel sagen. Nur das: Bevor ich so etwas noch einmal durchmache, mit allem – eingeschlossen, wie ich mich auch jetzt, nach mehr als fünf Wochen, noch fühle - lasse ich mich lieber drei Mal impfen! Da nehme ich drei Tage Impfreaktion gerne in Kauf.

Wie ist die Situation heute in Bayreuth?

A.D.: Es ist schon erschreckend, wenn ich auch bei meinen Kolleginnen und Kollegen die Nachwirkungen dieser Erkrankung sehe. Die Arbeit in der Pflege ist körperlich fordernd. Viele betroffene Mitarbeiter sind noch nicht wieder voll belastbar, manche sind noch nicht einmal wieder arbeitsfähig.
Ich merke selbst auch, dass ich einfach nicht mehr so viel packe wie vor der Erkrankung. Wir freuen uns, dass sich unser Haus wieder mit Patienten füllt, aber für viele von uns ist es doch ein echter Kraftakt. Doch auch hier bewährt sich unser tolles Team! Da werden ganz selbstverständlich Aufgaben übernommen, wenn jemand die Kraft ausgeht.
Wir setzen, neben der großen Impfaktion, die uns ein großes Stück weitergebracht hat, natürlich auf eine engmaschige Teststrategie. Doch auch die bedeutet jeden Tag einen großen organisatorischen und arbeitstechnischen Aufwand. Ich bin mit dem Thema momentan fast ausschließlich beschäftigt.

Ein Teil der Patienten ist von unserem Isolationskonzept nicht begeistert. Aber wir befinden uns in einer sehr stark betroffenen Region und wollen wirklich alles tun, um einen erneuten Ausbruch zu verhindern. Ich hoffe, dass anderen Häusern so etwas erspart bleibt!

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Das Reha-Zentrum Roter Hügel hat die Herausforderung mit einer starken Teamleistung erfolgreich bewältigt. Es wurden seither keine Patienten oder Mitarbeiter mehr positiv getestet. Innerhalb kürzester Zeit konnte die Belegung auf aktuell 70% hochgefahren werden, Tendenz steigend.

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Das Gespräch mit Frau Dietmann führte Gerda Schwarz