Sichere Lüftung - Sichere Klinik

Sichere Lüftung - Sichere Klinik

Wie sichere Lüftungen ihren Teil zu einer sicheren Klinik – nicht nur in der Pandemie – beitragen

Lüftungsanlagen schützen Patienten und Mitarbeiter

Wie sichere Lüftungen ihren Teil zu einer sicheren Klinik – nicht nur in der Pandemie – beitragen, erläutern Nadine Ük, Leitung Bau & Technik, und Dr. Joachim Großmann vom BZH im Interview mit MediNet-Chefredakteurin Jasmin Zehner. Außerdem erfahren Sie, wie Experten eine Lüftungsanlage warten und reinigen.

Zehner: Warum müssen unsere Lüftungsanlagen inspiziert werden und warum ist das aktuell so wichtig?

Dr. Großmann: Die höchste Ansteckungsgefahr mit Corona besteht über Tröpfchen beim direkten Face-to-Face-Kontakt zu anderen Menschen. Dies gilt als Hauptübertragungsweg. Aerosole, die sich über längere Zeiten in der Luft halten, können Corona ebenfalls übertragen: Zum einen, wenn sich zu viele Personen in einem kleinen Raum ohne Belüftung über längere Zeit aufhalten. Zum anderen können Aerosole unter ungünstigen Bedingungen das Virus über Raumluft-Technische-Anlagen (Lüftungen) übertragen. Mangelhafte Wartung und fehlende oder defekte Filter können dazu führen, dass sich das Virus ausbreitet. So hat sich das Virus in einem Schlachthof in Nordrhein-Westfalen wahrscheinlich über eine Umluftanlage verbreitetet.

Ük: Deshalb ist es so wichtig, dass wir dieses Thema ernst nehmen und die Lüftungsanlagen in unseren Kliniken immer entsprechend der vorgegebenen Zyklen durch eine Fachfirma warten und inspizieren. Unsere Techniker vor Ort halten wir mit speziellen Hausmitteilungen zu Covid-19 und zur Handhabung der Lüftungen aktuell auf dem Laufenden.
 
Zehner: Sollten wir die Anlagen wegen Corona öfter reinigen?

Dr. Großmann: Wartung und Reinigung sollten sich weiterhin an den normativ-technischen Vorgaben der VDI 6022 bzw. der DIN 1946-4 orientieren. Diese Vorgaben gelten auch in der Pandemie. Im normalen Regelbetrieb prüfen wir die Anlagen je nach Bereich einmal jährlich.
Bestimmte Parameter zeigen an, wenn eine Anlage nicht ordnungsgemäß arbeitet. Die Technik erhält Fehlermeldungen, wenn die Anlage nicht ordnungsgemäß funktioniert: Entweder meldet die Anlage selbst einen Fehler oder Patienten und Mitarbeiter geben der Technik Bescheid. Oft deutet eine plötzlich veränderte Raumtemperatur oder Luftfeuchtigkeit auf eine Störung hin.

Ük: MEDICLIN hat Rahmenverträge, die sich u.a. an die VDI halten. Zusätzlich ziehen wir die regulären Inspektionen präventiv vor, um höchstmögliche Sicherheit zu bieten. Das Intervall der Lüftungswartungen geht also über das gesetzliche vorgeschriebene Maß hinaus.
 
Zehner: Gibt es in Krankenhäusern spezielle Lüftungsanlagen bzw. besondere Anforderungen?

Ük: Ja. Raumluftanlagen in Krankenhäusern werden in unterschiedliche Klassen eingeteilt. Beispielsweise wird die Lüftung in Patientenzimmern oder unserer Konzernzentrale nicht über eine spezielle Lüftungsanlage gesteuert - hier ist die Fensterlüftung möglich. Daher ist es hier extrem wichtig, regelmäßig manuell zu lüften. Hilfreich sind vor allem Erinnerungsstützen wie Aufkleber oder Hinweisschilder, wie sie nicht nur in unseren MEDICLIN-Farben derzeit oft zu sehen sind. Anders sieht es auf Intensivstationen und in OP-Räumen aus: Dort sind spezielle Anlagen installiert, die für die angemessene Sicherheit sorgen.

Dr. Großmann: Regelmäßiges Lüften und ein ordnungsgemäßer Betrieb der Lüftungsanlage schützen nicht nur Patienten, sondern auch Mitarbeiter.
 
Zehner: Können Sie grob beschreiben, wie so eine Lüftungsanlage funktioniert – was macht sie genau?

Dr. Großmann: Je nach Funktionsbereich verfügen die Anlagen über ein mehrstufiges Filtersystem: Eine erste Filterstufe im Bereich der Außenansaugung schützt das Klimagerät, ein weiterer Feinpartikelfilter das Zuluftkanalsystem. In speziellen medizinischen Bereichen, z.B. einer OP-Einheit, Isolierräumen zur Schutzisolierung oder auch in einem pharmazeutischen Herstellungsbetrieb, gelten besonders hohe Anforderungen an die Luftreinheit. Dort kommt eine dritte endständige Filterstufe mit HEPA-Filtern H13 bzw. H14 zum Einsatz, die auch Schwebpartikel einschließlich Bakterien und Viren zurückhält.

Zehner: Die Reinigung dauert mehrere Tage - wie wird dabei vorgegangen?

Dr. Großmann: Die Wartung regelt die entsprechende DIN. Sie beinhaltet u.a. folgende Punkte:

  • Bei einer äußeren Inspektion testet ein bei einer entsprechenden Fachfirma angestellter Techniker, ob die Anlage die Außenluft richtig ansaugt. Außerdem prüft er, ob sie richtig aufgestellt (drei Meter über dem Boden) und ausgerichtet ist. Er kontrolliert zusätzlich die übrigen Bestandteile der Anlage.

  • Die Filter nimmt er ebenfalls genau unter die Lupe. Er kontrolliert die Abdichtung und sucht nach eventuellen Leckagen. Gegebenenfalls tauscht er die Filter auch vor dem Ablauf der empfohlenen Standzeit aus.

  • In besonderen Bereichen, beispielsweise einer OP-Abteilung, misst er die Partikelzahl der gefilterten Luft. Wenn dieser Wert erhöht ist, deutet dies manchmal auf einen undichten bzw. defekten Filter hin. Auch den Überdruck in OP-Sälen kontrolliert er und vergleicht den Wert mit dem in anderen Räumen wie dem OP-Flur. So stellt er sicher, dass von außen keine Luft und keine Partikel in den OP-Saal gelangen.

  • Zur Wartung einer RLT-Anlage gehören gemäß der DIN Abklatschproben, u.a. in den Lüftungskanälen.

Zehner: Was sind Abklatschproben?

Ük: Vereinfacht dargestellt wird hier im Prinzip ein Stück Klebeband (Trägerplatte) auf die Fläche angebracht und abgezogen. Im Labor können wir feststellen, wie hoch die Verkeimung ist, welcher Erreger vorliegt und ob es sich um einen potentiell krankmachenden Erreger handelt. Die Analyse lässt auch Rückschlüsse darüber zu, ob das System richtig filtert oder ob wir es gezielt reinigen müssen.
Nach Feuchtigkeitsschäden erfolgt eine solche Analyse an anderen Bauteilen auch oft.
 
Zehner: Was passiert im Worst Case, wenn bei einer Inspektion ein schwerwiegender Fehler gefunden wird? Wie schnell kann man reagieren, um den Klinikbetrieb möglichst nicht zu beeinträchtigen?

Dr. Großmann: Wenn der Techniker einen schwerwiegenden Fehler in der Lüftungsanlage feststellt, der das Personal und Patienten gefährden kann, nimmt er die Anlage unverzüglich außer Betrieb und ermitteln die Ursache. Eine fachgerechte Reparatur und anschließende Prüfung des ordnungsgemäßen Betriebs ist dabei eine zwingende Voraussetzung, damit die Anlage wieder betrieben werden darf.

Uek: Ein Labor mit einer Sicherheitseinstufung, ein Sterilisationsraum oder ein OP können ohne eine funktionierende Lüftung nicht betrieben werde. Eine Schließung dieser Bereiche ist daher unumgänglich. Es existieren aber durchaus auch Bereiche, die vorübergehend ohne Lüftungsanlage und stattdessen mit manueller Fensterlüftung weiter betrieben werden können. Insgesamt ist dies aber tatsächlich der Worst Case und glücklicherweise dementsprechend selten.
 
Zehner: Wie gefährlich kann es rechtlich für die MEDICLIN werden, wenn wir uns nicht darum kümmern?

Ük: Wir reden hier nicht nur von Betreiberverantwortung und Fürsorgepflicht, sondern auch über die Pflichten zur Einhaltung der Arbeitsstättenverordung, des Arbeitsschutzgesetzes, des Arbeitssicherheitsgesetzes sowie der Vorschriften der jeweiligen Berufsgenossenschaften. Rechtliche Konsequenzen sind daher bei Missachtung nicht auszuschließen.

Zehner: Gibt es bestimmte Anlagen, die derzeit nicht betrieben werden dürfen?

Dr. Großmann: Reine Umluftanlagen, die keine Frischluft einbringen, sondern lediglich die Raumluft ohne HEPA-Filter umwälzen, sind nicht geeignet.

Ük: Unsere Häuser sind dazu angehalten, ihre Anlagen ausschließlich auf Frischluft umzustellen. Wenn dies nicht möglich sein sollte, sind die Anlagen im Einzelfall abzuschalten. Bei einem Ausbruch von Covid-19 schalten wir die Anlagen sofort ab.

Dr. Großmann: Abschließend möchte ich sagen: Das Thema Lüften von Innenräumen ist gerade in der momentanen SARS-CoV-2-Pandemiephase ein wichtiger Punkt.

Ük: Als Krankenhausbetreiber hat die MEDICLIN sicherlich eine Vorbildfunktion im Umgang mit SARS-CoV-2. Lüftungsanlagen und der korrekte Umgang mit diesen waren aber auch zuvor schon zentrale Themen. Ich sehe uns daher gut vorbereitet und aufgestellt bei einem Thema, das nun stärker im öffentlichen Fokus steht.
Für mich persönlich ist das Thema frische Luft nicht nur im beruflichen Umfeld wichtig, sondern hat nun auch im privaten Bereich dafür gesorgt, dass ich noch viel regelmäßiger lüfte und mich bewusst häufiger an der frischen Luft aufhalte. Auch bin ich gerade sehr froh, dass mein Yogastudio Onlinekurse anbietet, die ich mit Abstand von zuhause besuchen kann.​