Therapeuten auf vier Pfoten

Therapeuten auf vier Pfoten

Wie Hunde Patient*innen in der MEDICLIN Klinik an der Lindenhöhe unterstützen. Federführend für die Therapie mit Hunden ist Hundetrainerin Cornelia Grass (li.).

Seit 2007 gibt es in der MEDICLIN Klinik an der Lindenhöhe die pflegetherapeutische Gruppe „Tiere in der Klinik“. Was anfangs noch exotisch wirkte und manchem ein Schmunzeln entlockte, entwickelte sich schnell von einer Geheimtipp- zur Highlight-Gruppe und erfreute sich bei Patient*innen rasch großer Beliebtheit. Das konzeptionell und hygienisch ausgearbeitete Format ist in nahezu allen Stationen implementiert und inzwischen eine feste Größe in der Therapie.

Effekte tiergestützter Therapie

Die therapeutischen Effekte, z. B. gestärkte Sozialkompetenz, Angstabbau und erleichterter Kontaktaufbau zu fremden Menschen und natürlich Tieren, entstehen nebenbei und außerhalb eines therapeutischen Settings, das für psychisch erkrankte Menschen oft eine Drucksituation darstellt. Beim gemeinsamen Interagieren mit dem Hund treten bei vielen Patient*innen die psychischen Probleme für eine gewisse Zeit in den Hintergrund. Patient*innen mit affektiven Störungen zeigen während der Stunde oft angemessenere emotionale Reaktion, sind deutlich aktiver und lachen mehr, sobald sie mit den Tieren in Kontakt kommen. Auch gelingt es diesen Patient*innen, Verantwortung für den Hund zu übernehmen, ihn zu führen und ihm Kommandos zu geben. All dies scheint im alltäglichen Umfeld für diese Patient*innen häufig nicht möglich.

Vorteile einer Therapie mit Hunden

Hauptargument für eine tiergestützte Therapie ist, dass der Hund keine Erwartungshaltung gegenüber den Patient*innen einnimmt und keine Gegenleistung erwartet, mit der viele Betroffene überfordert wären. Die besten Therapiestunden sind die, in denen Patient*innen und Vierbeiner mit sich beschäftigt sind. Die Begleitpersonen können sich im Hintergrund halten und müssen keine aktive Rolle in der Gruppe einnehmen. Viele Patient*innen werden nach dem Klinikaufenthalt selbst zum Hundehalter.

Im gerontopsychiatrischen Bereich gibt es den Effekt, dass Patient*innen, die augenscheinlich kognitive Defizite haben, während der Therapie regelrecht aufblühen, deutlich wacher sind und sogar immer wieder nach den Terminen und den Hunden fragen. Einige Patient*innen erinnern sich auch an Haustiere, die sie in der Kindheit begleitet haben, und die mit ihnen verbundenen positiven Erlebnisse.

Welche Vorarbeiten notwendig sind

Damit sich solche Therapieerlebnisse und Erfolge einstellen, muss einiges an Vorarbeit geleistet werden. Es bedarf des Willens und des Engagements aller Beteiligter, um geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Diese beinhalten Schulung der Mitarbeiter*innen, konzeptionelle Arbeit und das nötige Equipment, z. B. Trinknäpfe und Hundespielzeug. Weiterhin müssen die Örtlichkeiten, Pläne für schlechtes Wetter und ganz am Anfang ein Hygienekonzept erarbeitet werden.

Das Wichtigste sind aber natürlich die Tiere selbst. Da das Konzept auf Hunde ausgelegt ist, ist eine kontinuierliche, nachhaltige Netzwerkarbeit notwendig, denn ein therapeutisches Angebot auf der Fläche setzt die Verfügbarkeit von ausreichend vielen Hunden voraus. Wir sind in erster Linie auf Hundebesitzer*innen angewiesen, die sich ehrenamtlich engagieren. Da nicht jeder Hund für die Therapie geeignet ist und es vorkommt, dass Hunde aus Altersgründen oder aus organisatorischen Gründen aus dem Programm ausscheiden, hat das „Recruiting“ der Hunde einen hohen Stellenwert. Diese Kontakte kommen hauptsächlich auf dem Hundeplatz oder über Mund-zu-Mund-Propaganda zustande und sind verständlicherweise nicht über Zeitungsannoncen und ähnliches zu erlangen. Engagement und Herzblut sind wichtig, denn tiergestützte Therapie nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.

Nächste Schritt: Therapiehund im Jugendbereich

In der Klinik an der Lindenhöhe wurde Cornelia Grass zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen weitergebildet. Sie begleitete bereits seit langer Zeit die Gruppe federführend und abteilungsübergreifend. Als nächsten Schritt planen wir, zeitweise einen Therapiebegleithund im Jugendbereich einzusetzen. Die ersten Schritte für dieses vielversprechende Therapieangebot liegen bereits hinter uns.

Die vielen positiven Rückmeldungen, die die Beteiligten erhalten, zeigen deutlich, dass sich der Aufwand lohnt. Diese sind Antrieb und Grund, dass die Gruppe über einen solch langen Zeitraum angeboten und weiterentwickelt wird und auch weiterhin auf sicheren (vier) Beinen steht.